Frauen-Fußball-WM 2011. Bericht über die berichterstattung.

Stellen Sie sich vor es ist Fußball-WM und keiner geht hin...
So unwahrscheinlich es klingt, so könnte dieses Verhalten doch allgemeine Vorteile bringen:
Weniger betrunkene, die straßen und gebäude nicht zugepflastert mit nationalistischen devotionalien, keine akustische belästigung durch vuvuzela-tuten.



Utopie? Nein, es scheint wirklichkeit zu sein und wie jede wirklichkeit gibt es auch schatten.
In diesem Jahr 2011 findet nämlich so gut wie unbeachtet und schon vor und während der realisierung vergessen die frauen-fußball-weltmeisterschaft statt.
Leistungssportlerinnen aus aller welt haben sich dem fußballsport verschrieben. Hartes training, zeit, enthusiasmus, durchhaltevermögen, biographische risiken – um am ende an einem großen sportereignis teilzunehmen, das etwas unfreundlich ausgedrückt gewissermaßen totgeschwiegen wird.

Kampf um Anerkennung

Keine großen schlagzeilen, weder in der presse noch im internet, so gut wie nichts, nur mal am rand in kleinster schriftgröße ein minilink → hier geht es zur frauen-fußball-WM. Die schlagzeilen, die aufmerksamkeit gelten dem „richtigen“ sport, dem richtigen fußball, dem männer-fußball.

So gut die fußballerinnen spielen - der kampf um die gesellschaftliche anerkennung scheint noch nicht gewonnen zu sein. So gibt es online kaum reportagen, außer man sucht gezielt, keine öffentliche resonanz, kein interesse. Der eigentliche gegner der sportlich engagierten frauen ist nicht das gegnerische fußballteam, sondern das zähflüssige quasi-institutionelle desinteresse, das durch fragwürdige berichterstattung noch zementiert wird.

Professionelle Sportlerinnen – teilweise unprofessionell wirkende berichterstattung

An dieser stelle möchte ich mich mit ausgewählter berichterstattung auf einem bekannten internetportal befassen.
Quantität und qualität sind zwei maße. Eine kleine anzahl an guten artikeln – ansprechend positioniert und gestaltet können medientechnisch gutes leisten. Was ich jedoch vor einigen tagen zu gesicht bekam war jedoch eigenartig. Sehr eigenartig.
Ein von mir durchaus geschätztes internetportal hat sich freundlicherweise der frauen-fußball-WM angenommen und etwas zum thema publiziert. Das ist lobenswert.
Wenn man den sportteil des internetportals anschaut, gibt es links oben einen kleinen blassen zaghaften link: Frauen-WM 2011. Davon ist auf dem großen bild der schlagzeile jedoch nichts zu sehen, da sieht man natürlich einen mann.
Wenn man dem kleinen schüchterenen link nachgeht (wenn er nicht übersehen wird), kommt man zu einem durchaus wohlwollenden cluster, der sich mit dem besagten sportereignis beschäftigt und alles mögliche über die WM-stadien, frauenfußball, trainerin und spiele mitteilt. Es gibt auch ein qwizz über die fußballerinnen. Eine gute auswahl.
Über allem aber thront eine riesige bildergalerie mit dem interessanten titel: spannend, sportlich, skurril: Rekorde aus der Kickerwelt.

Spannend, sportlich, skurril: Rekorde der Sportberichterstattung

Diese galerie beginnt mit einem einfallsreichen appetizer: zwei bilder, auf denen sportlerinnen zu sehen sind. Auf dem einen bild sieht man das gesicht einer fußballerin mit weit aufgerissenen augen, die sich über die lippen leckt. Ein schelm, wer das blödsinnig findet. Das andere bild zeigt begeisterte spielerinnen, die sich gegenseitig anfeuern.

Neugierig habe ich mir die komplette bildergalerie angeschaut – und wurde nicht so recht klug aus der aparten bildersammlung.
An dieser stelle möchte ich einige ausgewählte bilder, die nach ansicht des internetportals "skurrile rekorde aus der (frauen)-kickerwelt" illustrieren sollen, vorstellen.

Jedes bild ist mit einem erläuternden untertext ausgestattet. Dabei wirken die bilder auf interessante weise unterschwellig suggestiv und vermitteln teilweise eine etwas andere assoziation als die sachlichen texte der bildunterschriften. Neben den bildern findet man den hinweis auf spielpläne und tabellen - allerdings nicht die spielpläne und tabellen der frauen-fußball-WM, sondern natürlich zu den "richtigen fußballspielen", den männerspielen.

Auf dem ersten bild, das ich beschreiben möchte,  geht es um das schnellste ländertor, wobei es mit der zeitlichen messung wohl nicht allzu genau genommen wird denn "die treffer der frauenfußballnationalelf" werden nicht sekundengenau festgehalten" (?). Eine etwas lieblose darstellung, ein einsamer ball,  der ins netz fliegt, dahinter ein dunkelgrünes vakuum. Keine jubelnden spielerinnen, kein fußballfeld. Ein totes foto, das keine reklame für den journalismus macht.

Das nächste foto, das ich beschreiben möchte, zeigt die riesigen ränge eines gähnend leeren zuschauerstadion. Irgendwo in der mitte ein paar verlorene gestalten, die wenigen die sich für frauenfußball interessieren. Hier soll ein trauriger rekord illustriert werden: Die niedrigste zuschauerzahl. Dabei wird in einem satz die höchste zuschauerzahl erwähnt, aber das gut gefülltes stadion wird aber nicht gezeigt. Interessant, dass das positive nicht gezeigt wird. Assoziationswirkung: Frauenfußball interessiert niemanden. So zementiert man durch eigenartige fotoauswahl vorurteile.

Auf dem nächsten bild, das ich beschreiben möchte, sieht man nichts - außer einer überdimensionalen eieruhr...Auch hier geht es um einen traurigen rekord. Eine spielerin, die das pech hatte, nur für fünf minuten eingewechselt worden zu sein.  Die darstellung erfolgt mit einem interessanten symbol: einer eieruhr (assoziation küche), nicht etwa einer sportlichen stoppuhr (assoziation sport). Gesamtassoziation: fußballerinnen sind loser und sollten besser da bleiben, wo sie hin gehören: in der küche.

Auf dem nächsten foto, das ich beschreiben möchte, geht es vordergründig um eine nationalspielerin, die mit 16 jahren die jüngste nationalspielerin aller zeiten und zugleich auch jüngste torschützin aller zeiten ist. Auch hier eine sprechende bildauswahl. So ist nicht etwa die junge leistungssportlerin zu sehen, sondern irgendwelche süüüßen kiddies, ein junge und ein mädchen (Assoziation: kinder-küche-kirche), wobei das mädchen einen ball auf dem kopf festhält. Der bildaufbau hätte anders sein können, zb eine erfolgreiche fußballerin, die kleinen kindern den weg zum sport weist. Aber nein. Die sportlerin, um die es geht, wird auf dem bild totgeschwiegen.

Es gibt in dieser galerie auch bilder von fußballerinnen in sportlicher aktion, insgesamt drei von 10 bildern.
An dieser stelle möchte ich noch einmal betonen, dass es freundlich und liebenswert von dem von mir sehr geschätzten internetportal ist, das ereignis überhaupt zu erwähnen (einige spielberichte, berichte über WM-stadien) und eben diese bildergalerie. Es ist auf jeden fall ein mutiger schritt in die richtige richtung.