Kochrezept? Möchten Sie lebendig gekocht werden?

Schale Miesmuschel Herzmuschel
Miesmuscheln, bild: , commons wikimedia
Alle Jahre wieder, besonders in den Herbst- und Wintermonaten, kommt es wieder zur gastronomischen Barbarei in den Küchen: die Liebhaber der Miesmuschelgerichte haben Hochsaison. Dabei hat es die Zubereitung dieser Tiere es in sich. Sie werden nämlich – genau wie die unglücklichen Hummer – lebendig gekocht.
In einem gepflegten Supermarkt für Besserverdienende liegt im Regal mindestens noch ein sogenanntes „Muschel-Merkblatt“. Auf diesem sogenannten „Merkblatt“ gibt es zunächst eine wohlgefällige Darstellung, dass alles im Rahmen des Tierschutzes abläuft und dass die Muscheln ein ganz schönes Leben haben – mindestens bevor sie lebendig gekocht werden. So wird berichtet, dass frischen Seemuscheln im besonders planktonreichen Wattenmeer der Nordsee wachsen. Das Wort „wachsen“ hört sich nach Pflanzenbeständen an und soll möglicherweise potentielle Kunden davon ablenken, dass Muscheln Tiere sind. Zudem kümmern sich nach Angabe des Blattes eifrige Veterinäre um die Gesundheit der Muscheln.
Um den Geschmack der Muscheln zu erhalten, sollen die Muscheln bis zu ihrer „Zubereitung“ bei ca. +4 bis +10 Grad einfrieren. Diese Temperaturen sind deswegen so wichtig um die armen Muscheln bis zu ihrer bestialischen „Zubereitung“ am Leben zu erhalten.
Im Gegensatz zu anderen Schalentieren wie dem Hummer, scheinen Miesmuscheln (mytilus) nicht in bereits kochendes Wasser geworfen zu werden, sondern sie werden wortwörtlich lebendig gekocht (anders als der Artikel der Zeitonline suggeriert, der angibt, dass die Muscheln in bereits kochendes Wasser geworfen werden). So steht auf dem sogenannten „Muschel-Merkblatt“, das in dem Supermarkt für Besserverdienende auslag, der sogenannte „Rezeptvorschlag“: Die gewaschenen Muscheln in den Sud aus wenig kaltem Wasser und anderen Zutaten Zitat: „auf großer Flamme ca. 7 Minuten kochen“!!!!. 7 Minuten lebendig gekocht werden. Möchten Sie das auch?
Der hauptsächliche Schutzfaktor für Muscheln ist die Möglichkeit, sich zu verschließen. Davon machen die gequälten Muscheln auch gebrauch, wenn langsam und unaufhaltsam fortschreitend die Temperatur des Wassers ansteigt, bis zur finalen Qual des „bei-lebendigem-Leib-gekocht-werden“. Von diesem Schutzfaktor des sich Verschließens machen die unglücklichen Tiere in dieser bestialischen Situation natürlich gebrauch. Dabei wird der Effekt des Verschlusses der Muschel durch einen starken Muskel erreicht. Zynischerweise ist es für die Möchtegern-Gourmets ein Zeichen der „erfolgreichen“ Garung, wenn die Muscheln in der Todesqual keine Kraft mehr haben um ihren einzigen Schutzmechanismus aufrecht zu erhalten, und sich dann öffnen.
Als moralisches Feigenblatt dient die Behauptung, dass Muscheln keinen Schmerz empfinden könnten. Dies ist aber wissenschaftlich nicht plausibel. So wies der Forscher G B Stefano 1993 laut einem Artikel der „ZEIT“ nach, dass die Miesmuscheln über stresslindernde Hormone verfügen. Stehen die Tiere unter Stress, so werden die Stresshormone in der Muschel gebunden und der Spiegel an freien Stresshormonen ist gering. Befindet sich die Muschel in entspanntem Zustand, so ist der Spiegel an freien stresslindernden Hormonen hoch. Bei diesen Antistresshormonen handelt es sich um Endorphine, die auch bei höheren Lebewesen und bei Menschen vorkommen. Dabei gehen Stefano und seine Mitautoren davon aus, dass diese Endorphine bei den Miesmuscheln gleiche Funktion ausüben wie bei anderen und höheren Lebewesen und auch beim Menschen. Nun schließen die Forscher darauf, dass auch bei den Miesmuscheln diese Hormone zur Linderung von Schmerzen dienen soll.
Leider hat die Zeit vergessen, den von ihr genutzten Artikel mit Titel zu erwähnen. Eigene Recherchen zu GB Stefano zeigen diesen als Neuropsychologen, dessen Hauptinteresse der Humanbiologie gilt, der aber auch Tiere untersucht hat. Den hier verwendeten Artikel habe ich nicht gefunden, dafür andere die sich zB mit Hummern befassen: Cholinergic regulation of endogenous morphine release from lobster nerve cord Zhu, W. Mantione, K.J. Casares, F.M. Kream, R.M. Stefano, G.B. 2006 Medical Science Monitor oder eine Studie über Miesmuscheln und Hormone: Estrogen signaling at the cell surface coupled to nitric oxide release in Mytilus edulis nervous system Stefano, G.B. Cadet, P. Mantione, K. Jones, D. Zhu, W. 2003 Endocrinology
Auf die Erkenntnisse, die der von der Zeitonline zietierte Artikel vermittelt, kommt die Zeit online zu dem Schluss hinsichtlich von Austern, die lebendig verschluckt werden (igitt), dass Mensch sich keine Sorgen zu machen braucht und dass die Endorphine der Auster es wohl richten werden und wünschen (stressvermeidend für die Zeitung) den Lesern einfach einen „bon appétit“.
Die Frage ob Endorphine ausreichen, um den Schmerz zu bewältigen, lebendig gekocht zu werden, ist wohl blanker Hohn.
Bei so viel Tierquälerei sollte eigentlich das Tierschutzgesetz ins Spiel kommen. Tut es aber nicht, da sich das „Tierschutzgesetz“ hauptsächlich auf Tiere und Lebewesen bezieht, die über eine Wirbelsäule verfügen und somit über ein Nervensystem, dass dem menschlichen am ähnlichsten ist. Es wird dabei ignoranterweise einfach unterstellt, dass ein Nervensystem, das anders aufgebaut ist und anders arbeitet „natürlich“ nicht so leistungsfähig sei wie das der Wirbeltiere.
Somit stehen quasie Wirbellose ganz ohne Schutz da und sind gewissermaßen Freiwild für jede brutale Maßnahme. So betreffen Regelungen in Bezug auf das „Töten von Tieren“ nur Wirbeltiere. Hier wurde den Profiten der sogenannten „Gourmet“-Gastronomie schön geredet, damit sie weiterhin ihre barbarischen Tierquälereien an Hummer und anderen wirbellosen Tieren durchführen können.
NEIN DANKE!!!
Mängel bei dem Tierschutzgesetz: Kein Schutz von Wirbellosen
Dabei leisten Miesmuscheln, die in riesigen Kolonien leben, durch ihre filternde und reinigende Lebensweise einen beachtlichen Beitrag zur Ökologie der Meere. Es sind beeindruckende Geschöpfe, die zur Gesunderhaltung der Meere beitragen und besseres verdient haben, als lebendig gekocht zu werden.

Quellen:

  • http://www.zeit.de/1997/42/Mensch_Muschel
  • http://www.weichtiere.at/Muscheln/index.html?/Muscheln/miesmuschel.html
  • http://researchindex.net/author/Stefano,_G.B./5365b4c126184454e4035ba0
  • Weitere lesenswerte Artikel zum Thema „lebendig gekocht werden“:
  • http://www.peta.de/hummer-gekocht-werden-tut-weh-2
  • http://www.tierheim-kronach.de/nachrichten/tierquaelerei-voellig-legal-nicht-nur-in-deutschen-kuechen-die-leiden-von-hummer-co/ (interessanter Beitrag einer Restaurantfachfrau)
  • http://www.landeinsiedlerkrebs-forum.de/showthread.php?t=5107
  • http://www.leaflet.blogsport.de/2014/10/04/moechten-sie-lebendig-gekocht-werden/